Das Haus der Liebe

Moritz Möchtegern hat es eilig. Das Haus der Liebe soll er finden. Sein eigenes vorprogrammiertes Navi wird ihm den Weg weisen. Seit Stunden schon ist er unterwegs – auf der Straße der Sehnsucht. Neonlichter begleiten ihn – die Blumen am Wegrand sieht er nicht. Reklametafeln mit allerlei Verlockungen üben eine magische Anziehungskraft auf den Moritz Möchtegern aus. Sie wecken seinen Jagdinstinkt.

Urplötzlich fühlt sich Moritz als Jäger - als Schnäppchenjäger. Sein vorgegebenes Ziel,das Haus der Liebe, hat er längst schon aus den Augen verloren. Zwischen tausend Sonderangeboten ist er hin und her gestolpert. Hier ein Häppchen – da ein Schnäppchen. Nach der Schlacht am Wühltisch ist Moritz abgekämpft. Ziemlich müde und erschöpft fällt er ins Bett. Moritz will nur noch seine Ruhe. Da meldet sich seine innere Stimme: Hast Du das Haus der Liebe gefunden? Wie? Was? Welches Haus der Liebe? Wo gibt`s den so etwas noch, in der heutigen Zeit? Tut mir leid, ich konnte das Haus der Liebe nicht finden sagt Moritz in einer monotonen Gleichgültigkeit. Du kannst das Haus der Liebe niemals finden, solange du nicht selbst in Dir zu Hause bist antwortet daraufhin seine Seele. Trotzig und verärgert schnauzt Moritz seine Seele an: Na, dann sag mir doch endlich,wo ist mein Haus der Liebe? Wie sieht mein Haus der Liebe eigentlich aus? Ich kenne es ja kaum, es ist mir so fremd.

 Moritz Möchtegern und sein eigenes „ICH“ beginnen nun ein Seelengespräch der besonderen Art: Die innere Stimme von Moritz wird lauter und lauter. Öffne endlich Deine Augen!! Nimm den Schlüssel in die Hand!! Das Haus der Liebe ist ganz nah bei Dir.Du kannst es sehn Und Du kannst Dein Haus der Liebe so einrichten,wie Du willst Moritz übt sich fleißig an gekonnten Ausreden: Ich bin doch kein Architekt,für dieses Studium bin ich nicht geeignet Aber neugierig bin ich schon,wie mein Haus der Liebe aussehen könnte Nun meldet sich sein lange Zeit schweigendes Herz: Zeige Dein freundlichstes Lächeln gleich an der Eingangstür Du brauchst zum Lachen nicht in den Keller zu gehen Schau einfach nur in den Spiegel der Sympathie Die Stimme seines Herzens redet eindringlich weiter, und Moritz hört jetzt aufmerksam zu. Hier an der Garderobe kannst Du Deine Sorgen ablegen. Befreie Dich von der Zwangsjacke – sie engt nur Deine Gefühle ein Den Mantel des Schweigens brauchst Du auch nicht Im Haus der Liebe können wir alle ganz offen miteinander reden. Jetzt ist Moritz hin und weg. Diese Seelenmassage tut ihm richtig gut. Er hat jetzt Appetit bekommen auf immer mehr Streicheleinheiten. Im Gourmet Paradies werden kleine Zärtlichkeiten serviert, die schmecken besser als in jeder Gerüchteküche, wo man immer nur Halbwahrheiten serviert bekommt. Moritz Möchtegern ist mit sich zufrieden. Will sich sonnen in seiner Selbstgefälligkeit. Da meldet sich wieder seine innere Stimme: Wir sind ein Herz und eine Seele – wir sind ein starkes Team Wollen wir gemeinsam das Schnäppchenzimmer umgestalten? in einen Raum der Bescheidenheit? SALE Alles muß raus!! Moritz meint verwundert: Dieser Raum ist doch dann kahl und leer. Das ist ja genau so wie beim Sommerschlußverkauf!

Sein Herz hat darauf gleich die passende Antwort: Dieser Raum der Bescheidenheit befreit von Seelenmüll So bleibt viel mehr Platz für Gefühle. Aber was ist das für eine dunkle Wand? fragt Moritz. Du erkennst Dich wohl selbst nicht? antwortet sein eigenes „ICH“. Das ist Dein eigener Schatten Deine eigene Schattenwand. Die innere Stimme von Moritz überrascht mit einer genialen Idee: Wir werden das Schnäppchenzimmer umfunktionieren zur Turnhalle Moritz ahnt es schon: Er muß über seinen eigenen Schatten springen Nach einigen ersten Anlaufschwierigkeiten findet Moritz Möchtegern. So richtig Spass an dieser besonderen Gymnastik. Hinter der Schattenwand sieht er ein offenes Fenster. Moritz spürt es deutlich: Jetzt hat er die Sonne im Herzen. Die Kraft der Phantasie verleiht ihm neue Flügel. Er kann fliegen – mit dem Wind – in das Land der Träume. Sein Herz ruft Moritz zu: Genieße den Augenblick. Dann findest Du ohne Navi wieder zurück – in Dein Haus der Liebe

© Georg Berghammer